In einem britischen Campus-Experiment sollten zufällig zugeteilte Teilnehmende drei Minuten lang aktuellen Freunden oder Bekannten schreiben oder durch soziale Medien scrollen. Danach wurden alle ermuntert, jemandem zu schreiben, zu dem der Kontakt eingeschlafen war.
In der Schreibgruppe berichteten 53 Prozent, die Nachricht versendet zu haben; in der Vergleichsgruppe 31 Prozent. Die Auswertung mit 194 Teilnehmenden gehört zu einer 2024 veröffentlichten Studienreihe von Lara Aknin und Gillian Sandstrom.
Ein Einstiegssatz wurde nicht vorgegeben. Das mittlere Alter lag bei rund 23 Jahren. Wie sich der Effekt im Alltag oder in anderen Gruppen zeigt, bleibt offen.
Wie vertraut ist jemand von früher heute noch?
In einer vorherigen Teilstudie hing geringere Vertrautheit mit geringerer Bereitschaft zur Kontaktaufnahme zusammen. Das beweist keine Ursache, war für die Forschenden aber ein Anhaltspunkt, das Anschreiben bei aktuellen Kontakten üben zu lassen.
Damit rückt eine andere Seite alter Freundschaften in den Blick: Eine lange gemeinsame Geschichte und heutige Vertrautheit sind unterschiedliche Dinge. Wer lange keinen Kontakt hatte, kennt womöglich viele Erinnerungen, aber wenig vom gegenwärtigen Leben der anderen Person. Der Versuch fragt danach, wie der erste Kontakt unter solchen Bedingungen wieder beginnen kann.
Auch die fertigen Entwürfe blieben liegen
Vielleicht wäre die erste Nachricht leichter, wenn sie besonders herzlich klänge oder an eine gemeinsame Geschichte erinnerte. Kristina Castaneto und Lara Aknin gingen 2025 einer ähnlichen Frage nach. Sie analysierten 863 bereits erhobene Nachrichtenentwürfe anhand von mehr als zwanzig Merkmalen, darunter Länge, Ton und Zeitbezüge. Kein untersuchtes Textmerkmal hing in beiden Datensätzen konsistent mit dem Abschicken zusammen.
Das war eine nachträgliche Textanalyse, kein Versuch, bei dem unterschiedliche Formulierungen zufällig zugeteilt wurden. Ob ein veränderter Satz das Abschicken erleichtert hätte, wurde damit nicht geprüft. Die Analyse erlaubt deshalb auch keinen Schluss, dass die Wortwahl gleichgültig sei.
Der Absender sieht etwas anderes als der Empfänger
Eine weitere Perspektive kommt aus Experimenten eines Teams um Peggy Liu. Dort unterschätzten Absender, wie sehr Empfänger einen unerwarteten Gruß wertschätzten. Laut der Verlagsmitteilung der American Psychological Association war die Unterschätzung bei überraschenderen Kontakten größer.
Der Gruß lässt sich damit aus zwei Perspektiven betrachten. Wer ihn verschickt, muss entscheiden, was nach der langen Pause überhaupt passen könnte. Wer ihn bekommt, erfährt zunächst, dass jemand an ihn gedacht hat. Der Aufwand des Formulierens und der Wert des Kontakts sind unterschiedliche Fragen.
Was die Funkstille offenlässt
Die Studien untersuchen vor allem die Hürde vor einer Nachricht. Wie eine wiederaufgenommene Freundschaft Monate später aussieht, beantworten die hier beschriebenen Versuche nicht. Auch ein Konflikt oder eine ausdrückliche Bitte um Abstand verlangt eine eigene Beurteilung.
Bei einem eingeschlafenen Kontakt könnten sich beide über einen Gruß freuen, während keiner ihn abschickt. Ob das so ist, lässt sich aus der langen Pause allein nicht ablesen.
Quellen und Hinweise
Genannte Angebote können ihre Bedingungen ändern; aktuelle Angaben findest du beim jeweiligen Anbieter.
- Aknin & Sandstrom: People are surprisingly hesitant to reach out to old friends, Communications Psychology (2024) Geprüft am
- Aknin & Sandstrom: Offene Verlagsfassung im Bestand der Deutschen Nationalbibliothek (2024) Geprüft am
- Castaneto & Aknin: Who Reaches Out to Old Friends and What Do They Say?, Collabra: Psychology (2025) Geprüft am
- American Psychological Association: Verlagsmitteilung zu Friends enjoy being reached out to more than we think (2022) Geprüft am